Talvi und das glitzerne Meer

Talvi war früh wach. Draußen war es noch ganz still, aber die Sonne blinzelte schon über die Baumwipfel. „Fina!“, rief er aufgeregt. „Heute ist es so weit!“ Fina gähnte und kuschelte sich noch mal kurz unter die Decke. Dann lächelte sie. Die Tasche stand längst bereit: Badesachen, Sonnenhut, ein paar Kekse, zwei Gummientchen und natürlich ihr kleines Fernglas. Heute ging’s ans Meer! Aber natürlich nicht mit dem Bus. Talvi und Fina hatten einen anderen Plan. Ein großer Vogel wartete schon. Er nickte ihnen zu, zwitscherte einmal leise und schon ging es los. Der Flug war wunderschön. Unter ihnen lagen Finas Pilzhaus, der kleine Steg am Teich, Wälder, Sümpfe und sogar die glitzernden Gipfel des Winterlands. Talvis Mütze tanzte im Wind, und Fina musste laut lachen, als sie sah, wie ihre bunte Wäsche auf der Leine flatterte. Dann, ganz plötzlich, glitzerte es am Horizont. Wie ein breites, blaues Band das funkelte. „Das Meer!“, rief Talvi. Kaum gelandet, schlüpften sie in ihre Badesachen und rannten los. Das Wasser war eiskalt. „Brrr!“, rief Talvi, „ich hab Eiszapfen an den Zehen!“ „Langsamer!“, rief Fina, tippelte aber schnell hinterher.

Nach ein paar Minuten waren sie nicht mehr zu bremsen. Sie plantschten, sprangen in die Wellen, spielten Frisbee. Fina warf so gezielt, dass Talvi dreimal ins Leere sprang und platschnass wieder auftauchte. Ein paar Möwen kreisten über ihnen und schauten neugierig zu. „Ich glaube, die wollen unsere Kekse“, sagte Fina. Später lagen sie im warmen Sand. Die Sonne wärmte ihre Haut. „Sandburgen?“, fragte Fina. „Wettbewerb?“, grinste Talvi. Und schon ging’s los. Talvi baute eine dicke, runde Burg mit einem echten Burggraben. Den füllte er mit Meerwasser und schwor, dass darin Seepferdchen wohnen könnten. Außerdem dekorierte er sie natürlich mit Zuckerstangen. Fina machte ihre Burg schlank und hoch, mit einem Türmchen und ganz vielen Muscheln, die wie Blüten aussahen außerdem gab es einen geheimem Tunnel. „Für Krabben“, meinte sie. Kurz darauf kamen wirklich ein paar Krabben vorbei. Eine kletterte auf Talvis Burg, eine andere verschwand in Finas Burg. „Ich glaub, sie haben entschieden“, sagte Fina. „Unentschieden wie immer?“, fragte Talvi. „Genau wie immer.“ Am Abend fanden sie eine kleine Baumhöhle in den Dünen, mit Blick aufs Meer. Talvi deckte den Tisch, Fina kochte, dann räumten sie auf, spielten Karten und hörten dem Meer beim Rauschen zu. Später lagen sie in ihren Schlafsäcken, ein bisschen müde, ein bisschen salzig. „Ich glaub, ich träume heute von Krabben", flüsterte Fina. Talvi antwortete nicht. Der war schon eingeschlafen. Und grinste im Schlaf.

Am nächsten Morgen weckte die Sonne die beiden Wichtel ganz sanft. Die Wellen rauschten leise und es roch nach Salz. „Frühstück?“, murmelte Talvi verschlafen. Fina nickte und holte die kleine Müslischale aus ihrer Tasche. Vor der Höhle fanden sie ein paar Nüsse. Daher gab es Müsli mit knackigen Nüssen. Gerade als sie überlegten, woher die Nüsse wohl stammten, raschelte es im Gebüsch. Ein kleines, rotbraunes Eichhörnchen hoppelte herbei, setzte sich auf einen Ast und zwinkerte ihnen zu. „Das waren wohl die letzten Vorräte vom Winter“, flüsterte Fina. „Danke“, rief Talvi lachend.  Es war wunderbar warm an diesem Tag, und die Luft duftete nach Sommer. „Wollen wir schnorcheln gehen?“, schlug Fina vor. „Und wie!“, rief Talvi begeistert. Sie zogen ihre Taucherbrillen über, paddelten vorsichtig hinaus und ließen sich auf dem ruhigen Meer treiben. Unter ihnen war eine völlig andere Welt: Sie sahen kleine Krabben, die über den Sand huschten, bunte Fische, die in Schwärmen vorbeizogen, und grüne Algen, die durch das Wasser schwebten. Überall lagen Muscheln: große und kleine, weiße und bunte.

Plötzlich tauchte vor ihnen etwas Großes auf. Ein altes Schiffswrack lag schräg im Sand, halb verfallen, aber geheimnisvoll. „Ein Piratenboot!“, flüsterte Talvi ehrfürchtig. „Glaubst du, es gibt noch einen Schatz?“, fragte Fina. Sie tauchten durch das Wrack, schauten in alle Ecken und Spalten. Doch keine Schatztruhe war zu sehen. „Hm“, sagte Fina. „Vielleicht ist alles längst fortgespült …“  Aber Talvi hatte noch eine letzte Idee. Er entdeckte ein dunkles Loch in der Schiffswand und griff hinein. Plötzlich schoss ein ganzer Schwarm Fische heraus und eine kleine Fischfamilie schwamm empört an ihm vorbei. Talvi zuckte zusammen, riss die Augen auf  und fing dann an zu lachen. „Was für ein Abenteurer!“, prustete er. „Erschreckt sich vor Babyfischen!“ Fina lachte mit. „Du bist der mutigste Fisch-Schreck der Welt!“ Wenig später schwammen sie zurück an Land.  Noch nass und lachend setzten sie sich auf ihre Decke. Fina holte eine kleine Blechdose hervor, öffnete sie feierlich und darin lag ihr ganz persönlicher Schatz: selbstgebackene Kekse, noch ein bisschen warm von der Sonne. „Manche Schätze funkeln nicht“, sagte Talvi und biss genüsslich ab, „… aber schmecken himmlisch!“

Nach einer kleinen Pause auf der Decke wussten sie nicht, was sie tun sollten. „Mir ist heiß“, stöhnte Talvi. „Mir ist laaaaangweilig“, gähnte Fina. Dann bekam sie diesen besonderen Blick. „Bleib mal ganz still liegen.“ Bevor Talvi etwas sagen konnte, begann Fina ihn einzugraben. Über den Bauch, die Beine, bis nur noch der Kopf herausschaute – und eine riesige Sandflosse statt Beine. Muscheln obendrauf, ein Lächeln dazu. „Tadaa! Der große Meermann Talvisch!“ „Ich fühle mich sehr… fischig", grinste Talvi. Dann war Fina dran. Talvi formte aus Sand zwei große Flügel und Muschelstreifen auf ihren Bauch. „Fina Summella, die Bienenkönigin der Dünenblumen!“ „Summmmm!“, machte Fina und hob die Arme. Sie kicherten, bis ihnen der Bauch wehtat. Gerade als sie sich wieder ausgebuddelt hatten, kam ein Ball aus Seetang angerollt. Ein Tintenfisch winkte aus dem Wasser und ein kleiner Krebs klapperte mit seinen Scheren. „Ich glaube Sie wollen mit dem Ball spielen“, meinte Fina.

Sie warfen, sprangen, lachten – der Tintenfisch schummelte mit seinen vielen Armen, und der Krebs schoss den Ball quer über den Strand. Nach dem Spiel winkten sie den Meeresfreunden zum Abschied. Als sie über das glitzernde Meer zurück zum Pilzhaus flogen, fuhr sich Talvi durch die Haare und stoppte plötzlich. „Äh, Fina? Ich glaub, ich hab den halben Strand auf dem Kopf.“ Fina schaute ihn an und fing sofort an zu lachen. „Da ist ja tatsächlich fast eine ganze Sandburg unter deiner Mütze!“ Talvi kicherte, und Fina sah ihn plötzlich fragend an. „Und du hast noch Seetang im Haar!“ Da musste sie auch lachen. Sie schüttelten sich, klopften den Sand aus den Kleidern, aber es half nicht viel. „Weißt du was?“, keuchte Talvi lachend. „Was?“ „Jetzt sind wir kleine Meereswichtel.“ 

Sie kicherten noch eine ganze Weile. Der Vogel schüttelte nur leicht den Kopf und flog weiter, mit zwei sehr glücklichen, sandverzierten Wichteln an Bord.