Talvi und der Regenbogen
Es war ein warmer Frühlingstag, aber die Luft roch noch frisch nach Regen. Die Sonne lugte schon wieder hinter den Wolken hervor und draußen im Garten glitzerten die Tropfen auf den Kräutern wie kleine Diamanten.
Talvi saß im Sessel am Fenster und las ein spannendes Buch. Es ging um Klaus, den Kobold, der seinen Schatz am Ende eines Regenbogens versteckte. Talvi schmunzelte. Ein Schatz, das klang gut. Vielleicht gab es dort Schokolade. Oder Kekse. Oder Lollis. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Als er aufsah, staunte er nicht schlecht: Draußen wölbte sich ein echter Regenbogen über den Himmel, vom Wald bis hinter die Hügel. Breit, bunt und ziemlich deutlich. Talvi runzelte nachdenklich die Stirn, schaute auf sein Buch und klappte es zu. Dann schlüpfte er in seine Gummistiefel und ging los.
Der Boden war noch feucht und duftete nach Erde und Gras. Talvi hüpfte durch jede Pfütze, die ihm in den Weg kam. „Platsch!“ machte es. Und noch mal. Zwei Frösche hüpften hinterher. Dann kamen noch mehr. Bald waren sie zu sechst. Sie waren ganz braun vom Schlamm, aber das störte niemanden. Sie quakten leise vor sich hin, so als würden sie Talvi Gesellschaft leisten. Talvi grinste. „Na dann“, murmelte er, „alle Mann hinterher.“ Sie liefen ein gutes Stück über die Wiese. Der Regenbogen war noch da, aber irgendwie kam er nicht näher. Talvi blieb stehen, blinzelte in die Sonne und wischte sich die Stirn. Ganz schön warm. „Vielleicht muss ich schneller sein“, sagte er zu sich selbst und lief los. Eine Runde. Dann noch eine. Als er stehen blieb, war er außer Atem. Die Frösche auch. Sie plumpsten ins Gras, einer rieb sich mit dem Fuß über die Nase. Talvi ließ sich daneben fallen. „Ich glaub, das Ende vom Regenbogen läuft einfach weg.“
Da hörte er ein Rascheln. Und ein aufgeregtes Quaken... von oben? Er sah hoch. Einer der Frösche war auf einen kleinen Baum geklettert. Vielleicht hatte er versucht, einen besseren Blick auf den Regenbogen zu bekommen. Jetzt saß er zitternd auf einem Ast, zu hoch, um einfach wieder herunterzuhüpfen. Talvi schluckte. Der Baum war nicht riesig, aber hoch genug, um weiche Knie zu bekommen. „Oh je“, flüsterte er. Dann atmete er tief durch. „Na gut… ich komm ja schon.“ Er begann zu klettern. Ganz langsam. Die Äste waren feucht vom Regen. Einer knackte. Der Frosch rührte sich kaum. Talvi spürte sein Herz bis in die Fingerspitzen. Als er endlich oben war, hielt er vorsichtig die Hand hin. Der Frosch zögerte, dann sprang er auf Talvis Schulter. „Jetzt bloß nicht runterfallen“, murmelte Talvi. Langsam, Ast für Ast, kletterten sie wieder nach unten. Der Frosch klammerte sich fest. Talvi versuchte, nicht nach unten zu schauen. Wieder am Boden angekommen, ließ er sich erschöpft ins Gras fallen. „Puh… geschafft.“ Der Frosch rutschte von seiner Schulter und hüpfte davon, als wäre nichts gewesen. Talvi schloss kurz die Augen. Und als er sie wieder öffnete, sah er etwas Rotes zwischen den Blättern, am Rand der Wiese, hinter einem alten Zaun.
Talvi schob sich durchs Gebüsch und blieb stehen. Ein Erdbeerfeld! Überall blitzten rote Früchte im dichten Grün. Er pflückte eine und biss hinein. Hmmm lecker. Hinter ihm raschelte es. Zwei Frösche waren ihm gefolgt, setzten sich ins Gras und schauten ihn an. „Na gut“, murmelte Talvi grinsend. „Kriegt ihr halt auch was.“ Er warf eine Beere in die Luft – zack! – einer schnappte sie im Flug. Noch eine. Und noch eine. Bald flogen die Beeren durch die Gegend, und die Frösche hüpften wild durcheinander. Mal landete eine auf dem Kopf, mal im Gras, mal mitten auf Talvis Stiefel. Dann wollte der kleine Kletterfrosch besonders cool sein, sprang extra hoch … und platsch! direkt in den Busch. Einen Moment war es still. Dann raschelte es und er kam wieder raus. Total voller roter Flecken. Talvi lachte laut: „Du siehst aus wie eine lebendige Erdbeere!“ Nach dem Spiel sammelte Talvi fröhlich weiter. Zum Glück hatte er wie immer eine Ersatzmütze dabei, perfekt zum Beeren sammeln! Die allerschönsten Früchte wanderten hinein, eine nach der anderen. Schon bald war die Mütze so prall gefüllt, dass sie fast überquoll. Dann grummelte es. Der Himmel wurde grau, und der Wind wurde kühl. Plötzlich kam der Regen – oh je – ein kleines Sommergewitter.
Talvi packte die Mütze und rannte los, durch Pfützen und Matsch. Und dann kam der Bach. Normalerweise hüpfte er über ein paar Steine. Aber jetzt war Hochwasser. Zum Glück lag ein Baumstamm quer darüber. Talvi balancierte, die Mütze fest in den Händen. Dann rutschte er weg, aber mit einem mutigen Sprung vom Baumstamm rettete er sich auf die andere Seite. Als er pitschnass am Pilzhaus ankam, öffnete Fina die Tür. „Na? Regenbogenschatz gefunden?“ Talvi hielt die tropfende Mütze hoch. „Nicht aus Gold“, sagte er, „aber ganz schön lecker.“ Drinnen stellte er die Mütze auf den Tisch. „Ich zieh schnell meine Stiefel aus!“
Was Fina und Talvi übersahen: Der Kletterfrosch war Talvi gefolgt. Zack, sprang er auf den Hocker und – schnapp! – die größte Erdbeere war weg. Als Talvi zurückkam, stutzte er. Eine Beere fehlte. Am Fenster saß der Frosch. Mit Erdbeersaft auf der Nase und einem sehr zufriedenen Gesichtsausdruck.